begegnungen mit der weissen leinwand

liane janissen studierte als meisterschülerin von rupprecht geiger und gotthard graubner freie malerei an der kunstakademie düsseldorf. nach stationen in spanien liess sie sich 2008 mit ihrer familie in zug, in der schweiz, nieder und lebt und arbeitet seither dort. sie nimmt an verschiedenen ausstellungen im in- und ausland teil, ist in einer relevanten privatsammlung vertreten, hat von 2005–2023 die artconnection köln geleitet und kuratiert und organisiert seit 2024 viermal jährlich ausstellungen in der kurioz gallery in zug (schweiz).
liane janissens hauptwerk sind die «abstrakten landschaften». dabei ergänzen ihre konkreten und projektbezogenen arbeiten die gemälde auf experimentelle weise und deuten an, was ihr sujet in den grossformatigen, titellosen leinwandbildern ist, die sie produziert hat: ein systematisches und immer weiter gehendes auflösen des grafischen zugunsten von farbe und struktur. hierfür schichtet sie diverse materialien übereinander: kartonagen, pigmente, harz, farblasuren, papier, tinte oder tapeten werden in einem bild kombiniert. sie erzeugt so eine ausufernde oberflächenstruktur. reliefartig greifen ihre bildkörper in den betrachterraum hinein, ohne dass die werke architektonisch wirken. dies verleiht ihren abstrakten arbeiten eine starke präsenz. seit einiger zeit setzt sich liane janissen zudem intensiv mit airbrush-techniken auseinander. dabei nutzt sie die fliessfähigkeit der farbe als gestalterisches mittel: sie lässt airbrush-farbe über eine nasse leinwand laufen, kippt und neigt den bildträger und steuert so leicht den verlauf. das zufällige und das bewusst gelenkte greifen ineinander. durch diese bewegungsprozesse entstehen farbräume, die an sedimentierungen, strömungen oder atmosphärische schichtungen erinnern.
der moment des zufalls ist auch beim herstellungsverfahren essentiell: liane janissen beginnt mit einer – durchaus auch metaphorisch gemeinten – weissen leinwand. es gibt weder eine notierte idee noch eine vorzeichnung, weder skizzen noch anderweitige vorübungen, nur die konfrontation zwischen künstlerin und der nicht gerade kleinen leinwand. dann beginnt sie der fläche gestalt zu verleihen und häuft immer weitere bildschichten an. motivisch greift sie auf ihr repertoire an inneren bildern zurück. dieser herstellungsprozess kann wenige stunden oder viele wochen dauern, bis das gemälde aus sicht der künstlerin abgeschlossen ist. dabei kann es auch zum wiederholten totalen übermalen kommen – einer radikalen geste und einer erneuten begegnung mit der leere. der zweifel erhält in liane janissens malerischem œuvre ein konstruktives moment.
assoziationen an landschaftsgemälde und seestücke werden anhand von farbpalette und komposition geweckt, ohne dass es sich um reale darstellungen handelt. die ideengebung findet unbewusst statt und letztendlich entscheidet der augenblick, welches ihr nächstes werk sein wird.
sarah niesel m.a.
kunsthistorikerin
